Strategieentwicklung, die wirkt.

Kompliziert vs. komplex, oder: Warum endlose Checklisten in Organisationen scheitern

Kompliziert vs. komplex, oder: Warum endlose Checklisten in Organisationen scheitern

„Können wir dafür nicht einfach eine Checkliste machen?“ Der Bedarf ist nachvollziehbar. Checklisten geben Sicherheit. Sie ordnen, strukturieren und helfen dabei, nichts zu vergessen. In vielen Bereichen sind sie goldwert. Das Problem ist dort, wo wir anfangen, jedes Problem wie einen Möbelaufbau zu behandeln. Denn nicht alles, was schwierig ist, ist automatisch komplex. Vieles ist einfach nur kompliziert. Und genau dieser Unterschied ist in Organisationen wichtig zu verstehen.
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Portrait von Emilia Bahl
Emilia Bahl

Kompliziert: Wenn Systeme wie ein Schweizer Uhrwerk funktionieren

Im Alltag werden die beiden Begriffe oft wild durcheinandergeworfen. Klingt ja auch ähnlich. Die Bedeutung ist aber eine deutlich andere.

Ein kompliziertes Problem ist anspruchsvoll, aber grundsätzlich berechenbar. Es hat viele Teile, viele Schritte und braucht oft Fachwissen. Doch wenn man versteht, wie die einzelnen Elemente zusammenspielen, kann man das Problem lösen.

Ein Schweizer Uhrwerk ist dafür ein schönes Beispiel. Hochpräzise, detailreich, aufwändig, aber nicht unberechenbar. Jedes Rädchen hat eine eindeutige Funktion. Jedes Teil greift an einen bestimmten Ort. Wer genug Wissen, Geduld und Sorgfalt mitbringt, kann nachvollziehen, wie das System funktioniert.

Dasselbe gilt für eine IKEA-Bauanleitung. Der Aufbau mag nerven, die Zeichnungen manchmal ein bisschen verwirrend sein und der Inbusschlüssel fühlt sich irgendwann wie eine persönliche Bestrafung an, aber am Ende folgt das Ganze einer klaren Logik. Schritt 1 vor Schritt 2. Teil A in Öffnung B. Wenn man sich daran hält, steht der Schrank.

Niemand möchte, dass ein Pilot vor dem Start improvisiert oder etwas vergisst. Und auch beim Aufbau eines IKEA-Schranks ist es meistens keine schlechte Idee, sich an die Anleitung zu halten, außer man steht auf das Abenteuer, am Ende drei Schrauben übrig zu haben. Also haben Checklisten auf jeden Fall ihre Berechtigung. 

Kompliziert heißt also: schwierig, aber  – bzw. der Output ist immer derselbe.

Komplex: Warum Organisationen eben kein Uhrwerk sind

Eine Organisation funktioniert per se nicht wie ein Uhrwerk. Und schon gar nicht wie ein Schrank aus dem Karton.

Denn in Organisationen arbeiten keine Zahnräder, sondern Menschen. Menschen mit Perspektiven, Erfahrungen, Interessen, Unsicherheiten, Ideen und manchmal auch sehr unterschiedlichen Vorstellungen davon, was gerade eigentlich das Problem ist. Menschen sind kreativ – das müssen wir wissen und das ist auch unsere größte Stärke.

Dazu kommt noch das Umfeld: Kund:innen verändern sich, Märkte bewegen sich, Technologien entwickeln sich weiter, Prioritäten verschieben sich. Was gestern noch sinnvoll war, kann morgen schon überholt sein.

Genau das macht Organisationen komplex.

Komplexität bedeutet nicht einfach nur „sehr schwierig“. Komplexität bedeutet, dass viele Dinge gleichzeitig aufeinander Einfluss nehmen, in Wechselwirkung stehen und dass sich nicht jede Handlung eindeutig einer vorhersehbaren Auswirkung zuordnen lässt. Man kann nicht alles im Voraus durchplanen, weil das System selbst in Bewegung und lebendig ist.

Oder anders gesagt: Beim Schweizer Uhrwerk verändert kein Zahnrad plötzlich seine Meinung. In Teams kann das durchaus vorkommen.

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Warum deshalb Checklisten in Organisationen an ihre Grenzen stoßen

Das Tückische ist nicht die Checkliste selbst. Das Tückische ist das Menschenbild und das Organisationsverständnis dahinter. Wenn wir glauben, jede Herausforderung lasse sich in fragmentierte Schritte zerlegen, dann unterstellen wir auch:

  • dass es für neue Situationen schon eine passende Antwort aus der Vergangenheit gibt
  • dass gute Entscheidungen vor allem im Befolgen der scheinbar perfekten Vorgabe eines Einzelnen liegen
  • dass Abweichungen eher Fehler als mögliche Lösungen sind
  • dass Menschen immer objektiv und rational handeln
  • uvm.

Und genau hier beginnt das Problem.

Denn in komplexen Zusammenhängen entsteht Qualität nicht nur durch sauberes Abarbeiten, sondern durch Beraten, Umsetzen, Reflektieren und Weiterdenken. Wer nur noch Häkchen setzt, schaut oft weniger hin. Wer nur der Anleitung folgt, merkt manchmal zu spät, dass das eigentliche Problem längst woanders liegt.

Wenn Struktur die Kreativität verdrängt

Checklisten schaffen Sicherheit. Aber sie schaffen eben auch Begrenzung. Das ist manchmal notwendig. In anderen Fällen wird sie jedoch zum Bremsklotz. Vor allem dann, wenn Organisationen vor neuen Fragestellungen stehen, für die es noch keine fertige Antwort gibt.

Was wäre denn ein typisches Symptom davon? Schon mal bemerkt, dass je mehr du als Führungskraft vermeintlich klar vorgibst, desto schneller kommt der Boomerang wieder zurück? Mit Checklisten schaffst du eine Abhängigkeit. Du nimmst den Menschen die Verantwortung, aber eben auch das Denken ab. Die Referenz für „richtig“ oder „falsch“ bleibst du als Person.

Auch die besten Lösungen entstehen eben nicht im Alleingang. Innovation entsteht selten dort, wo Menschen bloß das Erwartbare reproduzieren. Neue Lösungswege entstehen eher dann, wenn jemand Zusammenhänge neu sieht, Muster hinterfragt oder eine Entscheidung trifft, die nicht auf der Liste stand. Zu viele Vorgaben können genau diesen Raum verengen. Nicht aus böser Absicht. Sondern weil sie still und leise signalisieren: Denk nicht weiter, folge dem Prozess. Das ist bequem. Aber es macht Organisationen auf Dauer betriebsblind.

Was Unternehmen stattdessen brauchen: Strategie als Referenzsystem

Wenn nicht jede Situation per Anleitung lösbar ist, was dann? Nicht Chaos. Nicht Beliebigkeit. Und auch nicht das romantische Missverständnis, dass jetzt einfach jede:r mal machen soll, was er oder sie für richtig hält (Stichwort: „Laissez-Faire“) Komplexe Organisationen brauchen Orientierung statt Übersteuerung. Sie brauchen ein gemeinsames Verständnis davon:

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Worauf arbeiten wir hin?

Strategie ist Chefsache – ja, aber nur wenn es um die Verantwortung geht. Wir wünschen uns unternehmerisch denkende Mitarbeitende. Das kann nur funktionieren, wenn wir sie darüber informieren und motivieren, wohin es für uns als Unternehmen gehen soll.
🤔

Was ist im Zweifelsfall wesentlich?

Der Chef bzw. die Chefin ist nicht greifbar, die To Dos quellen über, nichts kann fertiggemacht oder entschieden werden. Wir sind „stuck“. Wir können nicht jede Entscheidung kontrollieren und wir können nicht garantieren, dass keine Fehler gemacht werden. Aber wir sind sicher: Mit einem Blick für das Wesentliche geht es geht schneller.
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Woran können wir uns orientieren?

Auf die Fragen unserer Zeit gibt es selten eindeutige Antworten. Doch wonach können wir uns als Person, aber auch als Team orientieren, wenn die Antwort nicht auf der Hand liegt? Es zahlt sich aus, im Vorhinein generell zu definieren, nach welchen Prinzipien entschieden werden sollte.

Genau hier wird das Thema Strategie relevant. Nicht als PowerPoint-Dokument für die Schublade. Sondern als Referenzsystem und gemeinsames Verständnis. Als etwas, das Menschen hilft, Situationen selbst einzuordnen, ohne bei jeder neuen Frage nach oben in der Hierarchie eskalieren zu müssen.

Checklisten versprechen etwas, das in unsicheren Zeiten besonders attraktiv ist: Kontrolle. Sie geben das Gefühl, dass man nur sauber genug denken, nur genau genug planen und nur diszipliniert genug umsetzen muss und dann wird das Ergebnis schon passen. Eine Checkliste setzt voraus, dass der Weg im Wesentlichen bekannt ist. Dass man im Vorhinein definieren kann, welche Schritte richtig sind. Dass Wiederholbarkeit wichtiger ist als Kreativität.

Strategiearbeit mit veicus

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Profilbild von Peter – Teammitglied bei veicus

Strategie nimmt keine Entscheidung ab, aber sie macht eine gute erst möglich

In komplizierten Systemen hilft die Anleitung. In komplexen Systemen hilft der Nordstern. Denn wenn Mitarbeitende wissen, wofür das Unternehmen steht, was Priorität hat und was der eigene Beitrag zum Ganzen ist, dann können sie auch in neuen Situationen handlungsfähig bleiben.

Die Frage ist dann nicht mehr nur:

  • „Was steht auf der Checkliste?“

Sondern eher:

  • „Was ist in dieser Situation im Sinne unserer Strategie klug?“

Das ist anspruchsvoller, aber auch besser. Denn so entsteht Verantwortung, die über die bloße Aufgabenerfüllung hinausgeht. Manch eine:r würde das wahrscheinlich Hausverstand nennen.

Key-Take-Away: Kompliziertheit braucht Prozesse, Komplexität braucht Prinzipien

Viele Organisationen leiden nicht unter zu wenig Einsatz & Energie, sondern unter dem Versuch, die falschen Werkzeuge auf die falschen Probleme anzuwenden. Für komplizierte Aufgaben sind Checklisten sinnvoll. Für wiederkehrende Abläufe auch. Für Standards, Sicherheit und Qualität sowieso.

Aber dort, wo es um Teamarbeit, Intrapreneurship, Transformation, Strategie oder Innovation geht, reicht eine Anleitung oft nicht mehr aus. Weil Organisationen keine Möbelstücke sind. Und weil Menschen keine Einzelteile sind, die man nur in der richtigen Reihenfolge zusammensetzen muss. Wer Komplexität mit der Checklisten-Logik beantwortet, bekommt vielleicht Kontinuität, aber nicht automatisch Klarheit. Und schon gar nicht zwingend bessere Lösungen oder Entlastung.

Die spannendere Frage lautet deshalb nicht: Wie machen wir noch bessere Checklisten? Sondern: Wo brauchen wir überhaupt eine Checkliste – und wo brauchen wir stattdessen Orientierung, Verantwortung und Vertrauen in den Menschen?